Warum wir Island lieben, auch wenn es nicht Fußball-Weltmeister wird

Das Fußball-Märchen geht weiter. Nach dem sensationellen Durchmarsch bis ins EM-Viertelfinale 2016 ist das kleine Island nun auch in diesem Jahr erstmals bei der Weltmeisterschaft in Russland mit dabei.

Damit ist das Land nun offiziell kein Fußballzwerg mehr. Trotzdem sticht die Insel aus allen Fußball-Nationen heraus. Das Team und die Fans haben mit ihren etwas „anderen“ Auftritten längst weltweit die Herzen erobert. Das betrifft nun auch ganz aktuell die Sportphilatelie. Schon oft wurden Fußballspieler auf Briefmarken abgebildet. Aber noch nie hat ein Team eine Briefmarke mitgestaltet, so wie dies erstmalig die isländische Nationalelf getan hat.

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Die Marke gilt für isländische Inlandsbriefe bis 50 Gramm. Verausgabt wurde sie neben einem Zehnerbogen, Ersttagsbrief und Stempel am 26. April.

Während eines Trainingslagers in Katar am Persischen Golf beteiligten sich sämtliche Nationalspieler an einem ungewöhnlichen Kunstprojekt des Grafikers Örn Smári Gíslason. Jeder Kicker bekam ein von Gíslason entworfenes und vorgefertigtes Bild, das er auf transparentes Papier übertragen sollte. Anschließend sammelte Gíslason sämtliche Skizzen ein, scannte sie digital, fügte sie zu einer Illustration zusammen und formte das Bild einer Briefmarke. Herausgekommen ist ein eigenwilliges und mehrdeutiges Motiv.

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Zu sehen ist ein Paar klatschender Hände, das gleichzeitig zwei Gesichter begeisterter Anhänger abbildet. Sie skandieren das bekannte isländische Anfeuerungsritual „Húh“. Über den beiden Händen steht der Zusatz „Strákarnir okkar á HM í Rússlandi 2018“, der etwa mit „Unsere Jungs bei der WM 2018 in Russland“ übersetzt werden kann. In der oberen linken Briefmarkenecke wird das Logo des isländischen Fußballverbandes KSÍ abgebildet und unten ist der Hashtag „# FYRIR ÍSLAND“ (Für Island) zu lesen.

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Der Künstler Gíslason lebt in Reykjavík, 1995 machte er sein Examen als Grafikdesigner an der Isländischen Akademie der Künste. Heute leitet er eine eigene Werbeagentur, mehrmals designte er schon Briefmarken für die isländische Post.

Auch Alfred Finnbogason vom FC Augsburg und Rúrik Gíslason vom SV Sandhausen, zwei in Deutschland spielende Isländer aus dem WM-Kader, waren beteiligt. Sie haben durch den Abdruck ihrer Hände am Markenmotiv mitgewirkt. „Die Aktion hat Spaß gemacht“, erklärte Finnbogason. „Ich hoffe, dass viele Fans diese Briefmarke nutzen, um ihren Freunden von einer erfolgreichen WM unserer Mannschaft zu berichten.“

Die Isländer schafften es bei der EM 2016 vor allem dank ihrer Fans in die Herzen aller Fußball-Anhänger. Zehn Prozent aller Isländer sollen sich damals in Frankreich aufgehalten haben, um ihr Team anzufeuern. Ihr Schlachtgesang, das gemeinsame Klatschen mit den langgezogenen „Huh“-Rufen, hat es inzwischen nicht nur auf eine Briefmarke geschafft, sondern ist mittlerweile weltbekannt und soll sogar auf dem Münchner Oktoberfest Einzug gehalten haben.

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Für Island-Jubel sorgte während der EM auch ein Fernsehreporter. Gudmundur Benediktsson machte sich mit seiner äußerst emotionalen Reportage unsterblich. Sein Kommentator zu Islands Siegtor im letzten EM-Gruppenspiel gegen Österreich wurde zum weltweiten Hit. Übersetzt hörte sich das in etwa so an: „Meine Stimme ist weg, aber das ist egal. Wir sind durch. Arnor Ingvi Traustason hat getroffen. Island 2, Österreich 1. Wer hätte das gedacht! Wer hätte das gedacht! Der Schlusspfiff ist da! Ich habe mich noch nie, nie so gut gefühlt.“

Ähnlich emotional ging es bei ihm zu, als Island das Achtelfinale gegen England drehte. Mittlerweile ist Benediktsson eine echte Berühmtheit – wie auch Heimir Hallgrimsson. Dieser ist seit der EM alleiniger Nationaltrainer, zuvor führte er die Mannschaft gemeinsam und gleichberechtigt mit dem Schweden Lars Lagerbäck.  Das hatte zur Folge, dass Hallgrimmsson seinen eigentlichen Beruf aufgeben musste. Denn bis dato arbeitete der 49-Jährige immer noch auf den Westmännerinseln als Zahnarzt.

Torhüter Thor Halldorsson ließ bei der EM vor zwei Jahren Superstar Cristiano Ronaldo ebenso verzweifeln wie die englischen Angreifer. Und das, obwohl er bis 2005 noch Hobby-Kicker war. Elf Jahre später stand er dann endlich bei einem großen Turnier im Tor. Auch im entscheidenden WM-Qualifikationsspiel gegen das Kosovo am 9. Oktober 2017 hielt er seinen Kasten sauber (2:0).

Thor Halldorsson hält Island hinten zusammen © Getty Images

Doch auch Torwart Halldorsson (Foto: Getty images) hat eigentlich einen anderen Beruf. Im „richtigen Leben“ ist er Filmregisseur. Unter anderem produzierte er 2012 das Musikvideo für den isländischen Beitrag zum Eurovision Song Contest.

Trainer Hallgrimsson muss seine Spieler zu den einzelnen Partien jeweils aus ganz Europa einsammeln. Die elf Akteure aus der Startelf gegen Kosovo sind in sieben verschiedenen Ländern aktiv gewesen. Die Mehrheit spielt in England, am bekanntesten ist der Ex-Hoffenheimer Gylfi Sigurdsson vom FC Everton. Der beste isländische Fußballer aller Zeiten ist der inzwischen zurückgetretene Eidur Gudjohnsen. Er schaffte es sogar zum FC Barcelona. Fußball-Geschichte schrieb er aber durch einen ganz anderen Fakt. Bei seinem Länderspiel-Debüt gegen Estland am 24. April 1996 wurde der damals 17-Jährige für seinen Vater Arnor ins Spiel gebracht. Dass ein Sohn für seinen Vater in einem Länderspiel eingewechselt wurde, ist bislang einmalig!

Mit ihrer WM-Premiere in diesem Jahr sorgen die Isländer für einen weiteren Rekord. Sie sind das kleinste Land, das sich jemals für eine WM-Endrunde qualifizieren konnte. 346.000 Einwohner leben auf der Insel im Nordatlantik. Bislang hielt den Rekord Trinidad und Tobago, das sich 2006 mit 1,3 Millionen Einwohnern qualifiziert hatte.

Island feiert WM-Quali -Getty Images

Rund 100 aktive Profikicker gibt es mittlerweile auf Island, die meisten von ihnen wurden in ausländischen Klubs ausgebildet. Der Erfolg bei der EM 2016 brachte den Aufschwung. Auf die Frage, wie sich die inzwischen beachtlichen Erfolge erklären lassen, äußerte Nationaltrainer Heimir Hallgrímsson in einem Zeitungsinterview anerkennend, es sei viel in die Infrastruktur investiert worden: „Früher hatten wir nur ein paar Fußballfelder, die meist in schlechtem Zustand und im Winter – und der ist lang hier – unbespielbar waren. Jetzt gibt es überall überdachte Spielhallen, die es erlauben, das ganze Jahr über zu trainieren.“ Zudem betreibt der isländische Fußballverband eine vorbildliche und nachhaltige Jugendarbeit. Selbst im entlegensten Dorf gibt es heute „professionelle Fußballhallen und Trainer“, lobte Hallgrímsson.

Die britische Zeitung „The Guardian“ hat die WM-Mannschaften nach ihrer Spielstärke aufgelistet und Island immerhin auf Platz 12 gesetzt, noch vor solchen Fußballnationen wie England und Kolumbien.

Bei der WM spielt Island in Vorrunden-Gruppe D gegen Argentinien, Kroatien und Nigeria. Falls die Nordländer als Erster oder Zweiter der Gruppe weiterkommen, würden sie im Achtelfinale auf einen der beiden ersten Zwei der C-Gruppe treffen. Und dies könnten Frankreich, Australien, Dänemark oder Peru sein.

Vielleicht gibt es ein weiteres isländisches Fußball-Märchen.  Huh! – Klatschen Smiley

(Autor: KJA)

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