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Mensch gegen Maschine – „Deep Blue“ schlägt Schach-Weltmeister

Die erste deutsche Briefmarke des Jahres 2021 mit einem sportlichen Motiv ist am 1. März erschienen und einem bemerkenswerten Ereignis vor 25 Jahren gewidmet worden.
1996 gelang es erstmals einem Schachcomputer, einen amtierenden Schachweltmeister aus Fleisch und Blut zu bezwingen. Der Bonner Thomas Steinacker hat dieses legendäre Duell grafisch interessant auf einer 110-Cent Briefmarke umgesetzt. Es ist übrigens die erste deutsche Sportbriefmarke mit neuem Matrix-Code!

Das Match des IBM Supercomputers Deep Blue gegen den damaligen russischen Weltmeister Garry Kasparov fand vom 10. bis 17. Februar in Philadelphia statt. Kasparov saß dort im örtlichen Convention Center vor einem Schachbrett. Ein Bediener gab seine Züge per Tastatur in einen Computer ein. Von diesem wurden die Züge per Telefonleitung nach Yorktown Heights, New York State geschickt, wo Deep Blue stand. Der Computer berechnete seinen Zug, der wieder per Telefonleitung zum Bediener am Brett von Kasparov zurückgeschickt wurde. Das Duell, bei dem es immerhin um eine halbe Million US-Dollar Preisgeld ging, wurde live im damals noch „jungen“ Internet übertragen.„Erfinder“ des Deep Blue Projects war der Programmierer Feng-Hsiung Hsu. Er und seine Mitstreiter hatten das Projekt bereits an der Carnegie Mellon University begonnen und 1989 zum US-amerikanischen IT-Unternehmen IBM mitgenommen. Dort wurde die Idee weiterverfolgt. 1993 glaubten die Experten, dass man mit einer Suchtiefe von 14 Halbzügen die besten menschlichen Spieler schlagen könne. 1996 sah sich das IBM Team in der Entwicklung ihres Programms dann weit genug, um den amtierenden Weltmeister Garry Kasparov zu einem Wettkampf herauszufordern. Kasparovs Gegner „Deep Blue“ war ein Koloss von etwa zwei Metern Höhe und 700 Kilogramm schwer. Die Maschine konnte 200 Millionen Stellungen in der Sekunde berechnen. Die Schach-Webseite http://www.cheessbase.com, wo man diese denkwürdige Partie auch nachspielen kann, gibt einen genauen Einblick zum damaligen Verlauf.

Dort heißt es u.a.: „In seiner Vorbereitung auf den Wettkampf gegen Deep Blue hatte Kasparov sich zehn verschiedene Eröffnungskonzepte mit Varianten überlegt, die er sonst nicht spielte, da er davon ausging, dass das Computerteam ihre Maschine in der Eröffnungsbibliothek gut auf seine üblichen Eröffnungen vorbereitet hatte. Kasparovs Sparringspartner war das ChessBase-Windowsprogramm Fritz 4. Der Weltmeister probierte alle seine Eröffnungen in vielen Trainingspartien gegen Fritz 4 aus, um dann zu entscheiden, welche der Varianten zur Anwendung kommen sollten.
Kasparov entschied, in der ersten Partie seine Lieblingseröffnung Sizilianisch zu spielen. In den ersten beiden Partien wollte er den Computer kennenlernen, am liebsten auf dem Gebiet, auf dem er sich selber am besten auskannte. Kasparov war dann allerdings nach der ersten Partie von der Spielstärke von Deep Blue doch sehr beeindruckt und wunderte sich über den Zug 23.d5!, den er für einen typisch menschlichen Zug hielt. Nach der Niederlage verbrachte Kasparov die Nacht einigermaßen schlaflos und dachte noch einmal über seine Matchstrategie nach.
Im Grunde war aber seine Strategie klar. Der Kampf musste mit langfristigen Plänen geführt werden, die der Computer nicht berechnen konnte. Mit kleinen Zugumstellungen in den Varianten warf Kasparov seinen Gegner zudem schnell aus der Eröffnungsbibliothek und brachte ihn möglichst früh dazu, selber zu rechnen“.

Kasparov gelang es nach sechs Stunden Spielzeit die zweite Partie für sich zu entscheiden. Der Weltmeister wurde wieder zuversichtlich. Schließlich gewann er das Match noch klar mit 4:2. Er entschied drei Partien für sich und spielte zweimal remis. 1997 kam es in New York zu einem Revanchewettkampf, der weltweit für noch größere Aufmerksamkeit sorgte. Deep Blue war inzwischen weiter verbessert worden. Diesmal gewann Kasparov die erste Partie, doch dann gab er die zweite in Remisstellung auf. Kasparov mühte sich, den Wettkampf noch zu gewinnen und wählte aber in der sechsten Partie eine für Schachexperten schlechte Variante der Caro-Kann-Verteidigung. Deep Blue „kannte“ jedoch die Widerlegung, die auf einem Opfer beruhte, und gewann nicht nur die Partie sondern auch den gesamten Wettkampf mit 3,5 zu 2,5.
Kasparow erhob danach Manipulationsvorwürfe gegen das IBM-Team und forderte ein Rematch, das der Konzern jedoch ablehnte. Deep Blue wurde in seine Einzelteile zerlegt. Erst 20 Jahre später zog Kasparow, der sich 2005 vom professionellen Schachsport verabschiedet hatte, seine Anschuldigungen zurück. Seitdem ist die Hard-und Softwareentwicklung so rasch fortgeschritten, das heute nahezu alle Schachspieler selbst gegen die gängigsten PC-Schachprogramme chancenlos sind.

Philatelistisch gesehen hatte die Post von Uganda schon 2012 zum 15. Jahrestag des zweiten Matches zwischen Deep Blue und Kasparow diesem Wettkampf Mensch gegen Maschine zwei Blöcke mit fünf Sondermarken gewidmet.

Außerdem gibt es zur Geschichte des Automaten- und Computerschachs einen Block der Niger-Post, der am 21. April 1999 herausgekommen ist und einen interessanten Einblick in die Entwicklung der „Schachcomputer“ zulässt.Der erste Automat, der angeblich Schach spielen konnte, war um 1770 der „Schachtürke“, der vom Wiener Hofrat Wolfgang von Kempelen entwickelt worden war. Die Maschine, die auch auf dem Niger-Block abgebildet ist, bestand aus einer türkisch aussehenden lebensgroßen Figur, die an einem schreibtischgroßen Schrank auf einem Stuhl saß. Der Schrank enthielt eine komplizierte Mechanik, die vor jedem Spiel durch Öffnen der Türen in einer festgelegten Reihenfolge gezeigt wurde, um die Abwesenheit von Menschen zu beweisen. Der Apparat konnte aber nicht selbständig Schach spielen, denn die Maschine war „getürkt“ – was später zum geflügelten Wort werden sollte.Im Inneren war ein (kleinwüchsiger) Schachspieler versteckt, der bei der Besichtigung zuvor seine Position wechseln musste, um nicht entdeckt zu werden und danach zum Spielen über eine komplizierte und ausgefeilte Mechanik die sitzende Türkenfigur die Züge ausführen ließ. Die Positionen der Schachfiguren, die der versteckte Spieler ja nicht sehen konnte, wurden über magnetische Plättchen am Fuß der Figuren nach innen übertragen. Eine Kerze sorgte für das nötige Licht, kleine Löcher im Spieltisch für etwas Frischluft. 
Einige der besten Schachmeister dieser Zeit bedienten den Türken, der nach Überlieferung zufolge sehr selten ein Spiel verlor. Auch Berühmtheiten wie Kaiserin Maria Theresia, die Auftraggeberin der Maschine war, und Kaiser Napoleon spielten gegen den Schachtürken. Letzterer verlor drei Partien gegen den „Automaten“, der zu der Zeit von dem ersten bedeutenden deutschsprachigen Schachmeister Johann Baptist Allgaier gesteuert worden sein soll. Eine nicaraguanische Briefmarke aus dem Jahr 1976 erinnert an dieses Ereignis mit einer Zeichnung von Antoni Uniechowski , die das Match zwischen Napoleon und dem „Türken“ im Schloss Schönbrunn 1809 darstellt.
Der „getürkte“ Schachautomat war sozusagen der Vorläufer für die Jahrhunderte später folgenden Schachcomputer, zu denen vor 25 Jahren auch „Deep Blue“ gehörte.

(Autor:KJA)