100 Jahre AVUS – Deutsche Jubiläumsbriefmarke mit tragischem Hintergrund

Noch immer ist es eine gute Quizfrage: „Wofür steht die Abkürzung AVUS?“. Berliner Autofahrer und Motorsportfreunde wissen es sicher ganz genau: Für „Automobil-Verkehrs- und Übungsstraße“! 

Diese liegt im Südwesten der deutschen Hauptstadt und ist das nördlichste Teilstück der Autobahn A 115. Bei ihrer Eröffnung am 24. September 1921 war die AVUS die erste ausschließliche Autostraße der Welt. Die 8,3 Kilometer lange und gebührenpflichtige Strecke diente bis 1940 als Renn- und Teststrecke sowie dem nichtöffentlichen Verkehr. 

Die AVUS führte vom Berliner Funkturm, an dem sie einen Anschluss zum Berliner Stadtring  (A 100) hat, rund neun Kilometer geradeaus durch den Grunewald  bis nach Nikolassee. Auf der AVUS fanden jahrzehntelang bis zum April 1998 spektakuläre Rennsportveranstaltungen statt, zeitweise war sie die schnellste Rennstrecke überhaupt und ihre berüchtigte Nordkurve eines der Berliner Wahrzeichen.

Die Wettbewerbe waren stets Zuschauermagnete, etwa 1926 der erste Große Preis von Deutschland. Ebenso die Rekordfahrt Fritz von Opels in seinem Raketenwagen Opel RAK2, den er 1928 auf über 230 km/h beschleunigte, und die Autorennen der 1930er-Jahre, in denen die legendären Silberpfeile furiose Siege einfuhren.

Der Mythos AVUS hat auch immer wieder die Deutsche Post zu philatelistischen Erinnerungen und Leistungen angeregt. 1971 gab die Deutsche Bundespost Berlin am 27. August anlässlich des 50jährigen Bestehens der Rennstrecke einen Vierer-Block nebst FDC und Sonderstempel heraus.

Weitere 50 Jahre später ist der mittlerweile 100. Jahrestag der AVUS der Post erneut eine Emission wert, diesmal mit einer Sonderbriefmarke, die bereits am 1. Juli 2021 an die Postschalter kam. Die 155 Cent-Marke, vom Bonner Grafiker Thomas Steinacker gestaltet, zeigt eine Rennszene aus dem Jahr 1958. 

Vorbild für die Abbildung war ein Foto von GPL-Reporter Fred Taylor, das aus dem Angebot von „Alamy Stock Foto“ stammt. Mehr ist aus den offiziellen Angaben der Post nicht zu entnehmen. Im Begleittext werden auch nur die „Wikipedia“-üblichen Fakten zur AVUS beschrieben. Schade, denn das Foto und damit die aktuelle Briefmarke symbolisieren sehr anschaulich die Licht- und Schattenseiten dieser einstigen deutschen Motorsportrennstrecke. Im Mittelpunkt steht dabei der Fahrer des auf der Marke abgebildeten Rennwagens mit der Nummer 34 – Jean Behra – wie ich recherchieren konnte.

Der Franzose startete zwischen 1952 und 1959 in 52 Rennen um die Fahrer- bzw. Formel-1-Weltmeisterschaft. Neunmal kam er auf das Podest, konnte aber keines seiner WM-Rennen gewinnen. Bei Wettbewerben, die nicht zur WM zählten, wurde er dagegen mehrfach Sieger. 

So auch in Berlin, wo er am 21. September 1958 im Porsche RS mit der Nummer 34 den Großen Preis von Berlin vor dem Schweden Joakim Bonnier im Borgward mit der Nummer 31 für sich entscheiden konnte.

Das historische Foto zeigt das Nordkurven-Duell zwischen Behra und Bonnier am 21.9.1958 beim Großen Preis von Berlin. Auf der Rückseite wurde vom Besitzer handschriftlich ein Jahr später das Todesdatum von Behra nachgetragen

1959 verpflichtete ihn dann Ferrari. Nach einer Reihe von technischen Defekten beschimpfte und schlug Behra in einem Wutanfall Ferrari-Rennleiter Romolo Tavoni und wurde prompt entlassen.

Daraufhin versuchte er als Privatfahrer mit seinem Behra-Porsche weiterzumachen. Mit diesem Wagen wollte er unbedingt 1959 beim Großen Preis von Deutschland starten, der in jenem Jahr nicht wie gewohnt auf dem Nürburgring,  sondern erstmals  auf der AVUS ausgetragen werden sollte. 

Todesfahrt überschattet Großen Preis von Deutschland in Berlin 1959

Die Veranstalter vom Automobilklub von Deutschland (AvD) erhofften sich nicht nur mehr Zuschauer, sondern sie wollten auch aus politischen Gründen, Solidarität mit der immer stärker isolierten, aber noch nicht durch die Mauer getrennten ehemaligen deutschen Hauptstadt zeigen.  Der Westberliner Senat lockte zudem im Gegensatz zum Nürburgring mit einer 50tausend Mark Ausfallbürgschaft. Darüber hinaus bot er den Veranstaltern an, die von motorsportbegeisterten Ostberliner Zuschauern in DDR-Mark gezahlten Eintrittsgelder bis zu einer Höhe von 60-tausend Mark im Wechselkurs von 1 zu 1 umzutauschen. Zudem sparte der AvD auf dem nur 8,3 km langen AVUS-Hochgeschwindigkeitskurs erheblich an Startgeldern. Auf dem 22,8 km langen, kurvenreichen Nürburgring hätte das nach Berlin verpflichtete Teilnehmerfeld von 15 Rennwagen fast verdoppelt werden müssen, damit das Rennpublikum auf seine Kosten gekommen wäre. 

Bei so viel Entgegenkommen waren die Sicherheitsbedenken viele Fahrer gegenüber dem musealen Berliner Renn-Kurs schnell vom Tisch gewischt. Für den britischen Meisterfahrer Stirling Moss war die AVUS die schlechteste Rennstrecke der Welt. Der Franzose Maurice Trintignant verglich die nasse Nordkurve, die einen Winkel von 44,6 Grad hatte, sogar mit einer „Rutschbahn in den Himmel!“ Etliche Fahrer waren im Scheitelpunkt der Kurve schon herausgetragen und teilweise schwer verletzt worden. 

Am 1. August 1959, dem Samstag vor dem Grand Prix, erwischte es Jean Behra. Der französische Vorjahresgewinner des Großen Preises von Berlin kam in der regennassen Nordkurve bei einem Rahmenrennen mit seinem Porsche 718 ins Schleudern und kollidierte am oberen Rand der Kurve mit einem noch immer vorhandenen Betonfundament einer Flakstellung aus dem Zweiten Weltkrieg. 

Der 38jährige Behra wurde mit dem Kopf gegen einen Flaggenmast geschleudert und war auf der Stelle tot.Trotzdem wurde einen Tag später der Große Preis von Deutschland auf der AVUS in 80 Runden ausgefahren. Sieger wurde Tony Brooks im Ferrari. Wegen der tragischen Ereignisse am Vortag hatte wenigsten Porsche die Teilnahme von Wolfgang von Trips in diesem Formel-1-Grand-Prix zurückgezogen.

Kalter Krieg in Berlin – Suche nach Schuldigen

Das Presse-Echo war für die Veranstalter und die Westberliner Verantwortlichen nach dem Tod von Behra verheerend. Die „Bild“-Zeitung titelte: „Rennleitung versagt! Warum wurde das Rennen gestartet, so lange die Nordkurve schlüpfrig war, als läge Seife auf ihr?“ Die „Morgenpost“ wetterte: „Unverantwortlich!“ Der „Tagesspiegel“ befand, „dass die Rennleitung auch das Leben anderer Fahrer auf´s Spiel gesetzt habe“. Das Ostberliner „Neue Deutschland“ schrieb: „Die Hauptschuldigen…sind der Westberliner Senat, sind Brandt und Lemmer…Der französische Meisterfahrer Behra wurde ein Opfer ihrer Frontstadtpolitik!“ Das kommunistische Pariser Schwesterblatt „L Humanité“ verstieg sich sogar in die absonderliche These, dass der in einem braunen Eichensarg nach Frankreich überführte Rennfahrer der erste Franzose sei, der für Berlin sterben musste.

Für die AVUS war der tragische Tod von Jean Behra ein Desaster. Drei Jahre fanden keine Auto-Rennen mehr statt. 1967 wurde die überhöhte Nordkurve der AVUS abgetragen und durch eine flachere ersetzt. Nach dem Mauerfall 1989 und dem damit immer stärker werdenden Verkehr auf den Berliner Straßen nahte das endgültige Ende des Rennbetriebes auf der AVUS. 

Neben Jean Behra starben zwischen 1926 und 1995 insgesamt 11 Menschen auf der Berliner Rennstrecke – sieben weitere Rennfahrer und vier Streckenposten!

Die deutsche Sonderbriefmarke zum 100jährigen Bestehen der AVUS ist damit auch eine Hommage an einen Rennfahrer, der in Berlin sein Leben ließ – auch wenn der Deutschen Post dieser Fakt in ihrem Begleittext zur Markenveröffentlichung nicht einmal eine Erwähnung wert war!

AVUS-Neuanfang 2021 ohne Motorsport

Das letzte motorsportliche Rennen auf der AVUS fand 1989 statt. Danach verfiel zumindest die AVUS-Tribüne. 2017 kaufte der Berliner Unternehmer Hamid Djadda das marode Baudenkmal. Und was kaum Einer nach den unrühmlichen Berliner Erfahrungen mit dem Flughafen BER und dem Humboldt-Forum für möglich gehalten hätte: Zum 100jährigen AVUS-Jubiläum am 24. September 2021 wird die Tribüne in neuem Glanz erstrahlen – allerdings in ganz anderer Funktion. Der gebürtige Iraner Djadda hat die Räumlichkeiten denkmalgerecht saniert und komplett an den Fernsehsender Hauptstadt.TV vermietet. Zur Autobahn hin ist eine verglaste Kanzel mit 400 Quadratmetern entstanden. Die Fenster sind mit einer besonderen Glasschicht versehen, die sich den Lichtverhältnissen anpasst. Damit wird verhindert, dass Autofahrer von außen hereinschauen können und eventuell abgelenkt werden.

Die Deutsche Post engagiert sich nach Sonderbriefmarke und Ersttagsstempeln am 24. September vor Ort noch zusätzlich mit einem Post-Eigenwerbung-Stempel.

Und wer alle postalischen AVUS-Erinnerungen der vergangenen 100 Jahre auf einem Kuvert besitzen möchte, der sollte sich bei der Fa.Sieger um einen der 300 Luxusbriefe bemühen, die neben der aktuellen Jubiläumsmarke auch noch den Post-Berlin-Block von 1971 zum 50jährigen der Rennstrecke nebst passenden Stempeln tragen.

Ansonsten wird das AVUS-Jubiläum in Berlin kaum offiziell gefeiert. Das macht dafür eine Sonderausstellung im niedersächsischen Einbeck.

Unter dem Motto „Ein rasantes Jahrhundert“ lässt das dortige Erlebnismuseum „PS.Speicher“ die Geschichte der legendären Rennstrecke aus Berlin noch einmal aufleben. 

(Autor: KJA)

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