Deutsche LA-Europameisterin als „Pin-up-Girl“ auf Schweizer Olympia-Briefmarke

Zu den bisher interessantesten Briefmarkenmotiven für die bevorstehenden Olympischen Sommerspiele in Tokio zählen, meiner Meinung nach, die zwei Ausgaben der Schweiz vom 6. Mai 2021.

Der vom Burgdorfer Grafiker Kasper Kobel gestaltete Bogen, der die Schweizer auf das sportliche Großereignis des Jahres einstimmen soll, zeigt eine klassische Zieleinlauf-Fotografie und greift dabei am Bogenrand die olympischen Werte „Höchstleistung“, „Respekt“ und „Freundschaft“ auf. Alles zeitgemäß für die sozialen Netzwerke formuliert: (Hashtag) #ALLIN4Tokio und #SWISSTEAM! Die Marken-Ausgaben waren bereits für 2020 geplant, aber erst jetzt aufgelegt worden. Mit der neuen Inschrift rechts unten auch wird auf den neuen Ausgabetermin 2021 verwiesen.

Als Sportjournalist und -philatelist wollte ich natürlich mehr über das Briefmarkenmotiv wissen und habe intensiver recherchiert. Was dabei heraus kam, war schon interessant, vor allem auch aus deutscher Sicht. Bei dem grafisch verfremdeten Zielfoto auf der Briefmarke handelt es sich nämlich als Vorlage um Teile des Originalfotos vom 60 Meter Hürdenlauf-Finale der Frauen bei den Hallen-Leichtathletik-Europameisterschaften 2011 in Paris.

Das Hürdenfinale hatte die Deutsche Carolin Nytra im Fotofinish vor der Britin Tiffany Ofili für sich entschieden. Ihr Vorsprung betrug nur eine Tausendstelsekunde (7,793 zu 7,794 s). Während Nytra ihre persönliche Bestleistung um neun Hundertstelsekunden unterbot, erzielte Ofili einen britischen Hallenrekord. Die als Führende der europäischen Jahresbestenliste in die Wettkämpfe gegangene Norwegerin Christina Vukicevic lief ebenfalls einen nationalen Hallenrekord und wurde Dritte.

Nach dem Rennen hatten die Juroren nur 30 Sekunden Zeit, um anhand des Zielfotos zu entscheiden, wer tatsächlich als Erster das Ziel überquert hatte. Dabei war es wichtig, mit welchem Körperteil die Sportlerin die Linie erreicht hatte. Denn entscheidend ist der Rumpf, also von den Schultern abwärts bis zur Hüfte. Ein Bein, ein Arm oder der Kopf zählen nicht. 

Ein Leben im Sprint

Für die am 26.Februar 1985 in Hamburg geborene Carolin Nytra war diese knappe Goldmedaille in Paris der größte Erfolg in ihrer sportlichen Karriere, nachdem sie 2010 bei den Freiluft-Europameisterschaften in Barcelona Dritte über 100 Meter Hürden geworden war.

Die siebenfache Deutsche Meisterin war Teilnehmerin an den Olympischen Spielen 2008 in Peking und 2012 in London, schied beide Male aber im Halbfinale aus. Eigentlich wollte sie mit den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro ihre sportliche Laufbahn beenden, jedoch aufgrund von Achillesfersenproblemen schaffte sie die Olympiaqualifikation nicht. Am 9. Juni 2016 gab Nytra deshalb auf ihrer Webseite den Abschied vom Leistungssport bekannt.

Dass Carolin Nytra nun, fünf Jahre später, mit ihrem 2011er Zielfoto-Sieg von Paris auf einer Schweizer Briefmarke für die Olympischen Spiele in Tokio „wirbt“, war der ehemaligen Mannheimerin und heutigen „Neu-Leipzigerin“ unbekannt – bis sie mein MDR-Sport-Kollege und Sammlerfreund Thorsten vom Wege – inspiriert von meiner Recherche – anlässlich eines Interviewtermins darauf aufmerksam machte. 

„Davon wusste ich wirklich nichts, tatsächlich hat mich niemand vorher kontaktiert oder gefragt“, so die überraschte 36jährige, deren spannende Lebensgeschichte mittlerweile auch in einem ARD-Hörfunkbeitrag verewigt worden ist. „Ich habe ja schon einiges karrieretechnisch hinter mir, aber dass ich tatsächlich noch einmal als „Pin-up-Girl“ für eine Briefmarke der Schweiz dienen würde, davon habe ich nicht zu träumen gewagt!“ Das Zielfoto ist der einstigen Hürdensprinterin, die seit ihrer Heirat 2014 mit Fußball-Athletiktrainer Nicklas D. nun Carolin Dietrich heißt, noch immer präsent. „Ich hatte es mir damals nach meinem Erfolg in Paris gleich ausdrucken lassen und eingerahmt. Das Foto hing sehr lange an der Wand in meiner Wohnung“.

Nach ihrem sportlichen Rücktritt nahm Carolin Dietrich keine Auszeit, sondern nur 14 Tage später im Sommer 2016 einen Fulltime-Job in der im Aufbau befindlichen Marketing-Abteilung von RB Leipzig an, das gerade in die Fußball Bundesliga aufgestiegen war. „Mir ist eine unglaubliche Stelle angeboten worden…“, erzählte sie damals ihren Freunden. Ganz schnell hatte sie bei RB auch die nächste Hürde genommen und war zur „Leiterin Internationalisierung“ beim Bundesligisten aufgestiegen. „Unsere RB-Erfolgsgeschichte ist das, was im Ausland interessiert“, verriet Carolin Dietrich in einem Interview mit dem Weser-Kurier. Markenbildung und Märkte waren nun ihre Hauptaufgabe.

Für die ehemalige Leistungssportlerin ist das Leben ein Sprint geblieben, auch wenn sie sich, wie sie im ARD-Hörfunk-Beitrag verriet, nicht mehr von der Leichtathletik verfolgt sehe. „Das war einmal mein Lebensinhalt. Jetzt steht die berufliche Karriere im Vordergrund“. Carolin Dietrich hat inzwischen RB Leipzig verlassen und trotz der schwierigen Corona-Zeit den Sprung in die berufliche Selbständigkeit gewagt – mit „Leadership coaching“. Ihr beratendes Angebot richtet sich an Führungskräfte, die durch ihre Unterstützung lernen sollen, eigene Kompetenzen wahrzunehmen und Fähigkeiten zu entwickeln, um diese nachhaltig auf die eigene Ziele auszurichten.

An Hand der aktuellen Schweizer Olympiabriefmarke für Tokio 2021 könnte Carolin Dietrich am eigenen Beispiel erläutern, dass auch knappe Entscheidungen im Leben durchaus sehr erfolgreich sein können!

(Autor: KJA)

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