Wenn der Sport zur Nebensache wird – Eishockey-WM in Lettland im Kreuzfeuer der Politik

Kaum ein Sportereignis der letzten Zeit ist so von der aktuellen Politik beeinflusst worden, wie die 84. Eishockey-Weltmeisterschaft, die derzeit in der lettischen Hauptstadt Riga noch bis zum 6. Juni ausgetragen wird. Die Sonderbriefmarke der lettischen Post mit WM-Maskottchen Spiky, einem freundlichen Igel im Mittelpunkt, kann nicht darüber hinwegtäuschen, wie groß die Spannungen um das Ereignis waren und sind. Diese WM wird auf alle Fälle in die Sportgeschichte eingehen.

eishockey-wm-2021-lettlnd-briefmarke-2021Als „Spiky“ am 24. Februar 2020 der Öffentlichkeit präsentiert wurde, war die Welt zwischen Belarus und Lettland noch in Ordnung. Beide Länder hatten sich 2017 gemeinsam für die Ausrichtung der Weltmeisterschaft beworben und knapp vor Finnland den Zuschlag durch die Delegierten des Weltverbandes IIHF erhalten. Erstmals wurde damit eine WM an ein Land innerhalb (Lettland) und eines außerhalb (Belarus) der Europäischen Union vergeben.

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Mehr als 100 Vorschläge aus beiden Ländern, vom einfachen Eishockey-Fan bis hin zum professionellen Künstler, waren zur Gestaltung des WM-Maskottchens eingegangen. Die gemeinsame Jury entschied sich am Ende für den Igel Spiky, der zunächst noch vor dem gemeinsamen Logo mit den Austragungsorten Minsk und Riga posieren durfte.
Nach einem Frühling ohne Eishockey, die 83. WM 2020 in der Schweiz musste wegen der Corona-Pandemie abgesagt werden, rückte im Sommer die WM 2021 langsam, aber sicher in den Fokus. Und damit auch die politischen Unruhen im Co-Gastgeberland Belarus. Am 17. August 2020 kündigte Lettland an, Gespräche mit dem Weltverband IIHF führen zu wollen, um die Situation zu erörtern. In Belarus war es wegen der von Fälschungsvorwürfen überschatteten Wahl von Staatspräsident Alexander Lukaschenko zu großen Protesten gekommen, bei denen die Polizei brutal vorging. IIHF-Präsident René Fasel ließ zu diesem Zeitpunkt noch verlauten, dass es keine Pläne gebe, Belarus die Austragung zu entziehen.
Das änderte sich aber zu Beginn des Jahres 2021. Die monatelange Kritik am gewaltsamen Umgang mit Demonstranten sowie die lockere Handhabung der Corona-Pandemie schürten immer mehr Zweifel. Am 6. Januar 2021 bestätigte Fasel, der kurz zuvor noch bei einem Treffen in Minsk Lukaschenko innig umarmt hatte, „dass man sich nun doch auf der Suche nach einem anderen Land als Co-Gastgeber neben Lettland befinde“.
Kein Zurück mehr gab es dann, als einige der Hauptsponsoren – wie der tschechische Autohersteller Skoda und Nivea – öffentlich drohten, sich von der WM im Mai zurückzuziehen, sollte in Minsk gespielt werden. Und so kam am 18. Januar, was kommen musste: Die IIHF entzog Belarus die WM. Rund zwei Wochen später am 2. Februar war klar, dass Riga als alleiniger Austragungsort zum Zuge kommt. Begründet wurde diese Entscheidung mit Paragraph 9 der IIHF-Statuten, der es der Weltföderation ermöglicht, die Ausrichtung eines Turniers zu entziehen, wenn die Gesundheit oder die Freiheit der teilnehmenden Sportler, Funktionäre, Zuschauer und Medienvertreter nicht gewährleistet ist.
Damit waren endgültig auch die Hoffnungen der Sportphilatelisten dahin, dass es vielleicht eine interessante gemeinsame Briefmarken-Ausgabe zu dieser Eishockey-WM zwischen den Postverwaltungen aus Belarus und Lettland geben könnte.
Beide Länder waren schon je einmal allein Gastgeber der Titelkämpfe: Riga 2006 und Minsk 2014 – was natürlich damals philatelistisch auch dokumentiert worden ist.

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Aber nicht nur im Vorfeld der diesjährigen WM überschlugen sich die politischen Ereignisse zwischen Belarus und Lettland. Auch während der WM-Tage gab es bisher keine Ruhe. Fast hatte man den Eindruck, die Eishockeyspiele seien nur noch Nebensache.
Ein Flaggentausch am Rande der WM sorgte weiter für weltweites Aufsehen. Die Stadtverwaltung von Riga hatte an mehreren öffentlichen Plätzen die Nationalfahne von Belarus, das als WM-Endrunden-Aufsteiger in der Vorrundengruppe A immerhin Teilnehmer dieser WM ist, einfach durch die weiß-rot-weiße Variante der belarussischen Opposition ersetzt.

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Hintergrund für diese Maßnahme, die von Lettlands Staatspräsidenten Egils Levits als angemessene Reaktion auf die völkerrechtswidrigen Maßnahmen von Belarus verteidigt wurde, war die gewaltsame Zwangslandung eines Passagierflugzeuges in Minsk und die Festnahme eines regierungskritischen belarussischen Bloggers, der sich auf diesem Ryanair-Direktflug von Athen nach Villnius befunden hatte.

Trotz weltweiter Proteste und Forderungen nach Sanktionen gegen Belarus nach diesem Akt der Luftpiraterie verschärfte Lukaschenko die Lage. Mit Blick auf den „Flaggentausch“ in Riga wurden alle lettischen Diplomaten aus Minsk ausgewiesen. Lettland reagierte umgehend daraufhin und wies ebenso alle belarussischen Botschaftsangehörigen aus. Die Maßnahme gelte solange, bis sich die Beziehungen wieder normalisiert hätten.
Beide Länder machen derzeit das, was WM-Maskottchen Spiky am besten kann: Einigeln!

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Übrigens: Inzwischen ist auch die für Ende Juni in Minsk geplante Bahnrad-EM aufgrund der angespannten politischen Lage abgesagt worden. „Wir arbeiten nun daran, eine Alternative zu finden“, sagte der Präsident des Europäischen Radsportverbandes Enrico Della Casa.

(Autor: KJA)

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