Laufen für die Menschheit – wie ein „Zyprioter“ zum griechischen Nationalhelden wurde

Die Olympischen Sommerspiele in Tokio sind, wie bekannt, wegen der „Corona-Krise“ um ein Jahr auf 2021 verschoben worden. Das betrifft nun auch die weltweite Philatelie. Sonderbriefmarken mit olympischen Tokio-Motiven dürften zunächst erst einmal in den Schubladen der jeweiligen Postverwaltungen verschwinden, um dann zu gegebener Zeit auf den Markt zu kommen. Wie im richtigen Sport durchaus üblich, gab es aber auch wieder „Frühstarter“, die mit ihren Olympia-Marken noch kurz vor dem IOC-Verlegungstermin erschienen waren. Neben Gabun und Madagascar zählte in Europa Zypern dazu. Am 19. März erschienen in der griechischen Republik vier grafisch sehr ansprechend gestaltete Tokio-Marken.

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Aber nicht nur diese Olympia-Briefmarken erregten mein Interesse, sondern auch zwei weitere Marken, die am selben Tag erschienen waren und durchaus ebenfalls einen olympischen Bezug haben, wie ich nach eingehender Recherche feststellte. Und da bin ich schon wieder bei einer dieser sportphilatelistischen Geschichte, die es zu erzählen lohnt, gerade jetzt in der gegenwärtigen, durch die Corona-Pandemie so angespannten Weltlage.

Viele werden womöglich mit dem Namen Stylianos Kyriakides zunächst auch nicht viel anfangen können. Denn die „Laufwelt“ kennt ja eigentlich nur zwei Griechen: den Soldaten Pheidippides, dessen Legende den Ursprung des Marathons bildet. Und Spiridon Louis, den ersten Marathon-Olympiasieger der Neuzeit von 1896. Doch es gibt noch einen Dritten im Bunde, der unbedingt Erwähnung verdient: Stylianos Kyriakides. Stelios, wie er auch liebevoll von den Griechen und Zypriotern genannt wird, ist nicht nur der erfolgreichste griechische Langläufer aller Zeiten, sondern seine Landsleute verehren ihn vor allem für seinen unermüdlichen Patriotismus, der vielen Griechen das Leben rettete. Und so verwundert es kaum, dass ihm die Post der Republik Zypern am 19. März 2020 diese zwei Briefmarken widmete.

Der am 15. Januar 1910 in einem ärmlichen Bergdorf auf Zypern geborene Kyriakides, zog als junger Mann aufs griechische Festland, um Geld für seine Familie zu verdienen. Er landete als Hausjunge bei einem britischen Offizier, der den damals 22-Jährigen ermutigte, mit dem Lauftraining zu beginnen. Sein Arbeitgeber schenkte ihm seine erste Ausrüstung, gab ihm Trainingsempfehlungen und brachte ihm Englisch bei. Ein Unterfangen, das rasch Früchte trug.

Bei seinen ersten Pan-Zypriotischen Spielen 1932 gewann Stylianos die 1.500, 5.000, 10.000 und 20.000 Meter. Mit dieser Leistung manövrierte er sich direkt ins Nationalteam. Obwohl er der Jüngste in der olympischen Leichtathletik-Mannschaft für die Spiele 1936 in Berlin war, wählte man ihn zum Mannschaftskapitän. Er startete im Marathon und wurde Elfter. 1.13 Das war natürlich nicht der Triumph, den sich der mittlerweile 26-Jährige erhofft hatte. Doch schon bald wusste er den Wert dieser Olympiateilnahme hoch einzuschätzen.

Von seinem Freund , dem US-amerikanischen Marathonläufer Johnny Kelley  wurde er  eingeladen, 1938 am Boston-Marathon teilzunehmen. Am Tag des Marathons trug er neue Lauf-Schuhe, die leider seine Füße wund werden ließen und er das Rennen aufgeben musste. Per Taxi erreichte er die Ziellinie. Enttäuscht sagte Kyriakides einem Reporter der „The Boston Globe“: „Eines Tages werde ich zurückkommen und dieses Rennen gewinnen.“ Doch zunächst verhinderte der 2. Weltkrieg sein Vorhaben.

Während der Kriegsjahre nutzten dem Griechen seine sportlichen Erfolge, um unentdeckt im aktiven Widerstand gegen die deutschen Besatzungstruppen zu kämpfen. Dank seines Olympia-Status konnte er sich nicht nur selbst, sondern auch andere schützen. Zusammen mit seinem Sportfreund Grigoris Lambrakis gründete er die Partisanengruppe „Gemeinschaft der griechischen Athleten“. Der Sportler agierte als Nachrichtenübermittler und versteckte Piloten der Alliierten in seinem Keller.

Als nach dem Krieg 1945 Griechenland im Hunger-und Bürgerkriegschaos versank, holte Kyriakides wieder seine Laufschuhe hervor und begann zu trainieren. Denn er hatte einen Plan: Er wollte zum berühmten Boston Marathon, um für sein Land auch Geld und Nahrungsmittel zu sammeln. Stylianos verkaufte die eine Hälfte seines Hauses und bat seinen Arbeitgeber, die British Electricity Company, um Geld für eine Fahrkarte nach Amerika. Familie und Freunde erklärten ihn für verrückt. Nur sein langjähriger ungarischer Trainer, Otto Simitchek, glaubte an ihn. Als er vier Wochen vor dem Marathontermin in Boston ankam, war er ausgezehrt aber läuferisch fit. Trotzdem wäre einen Tag vor dem Wettkampf sein Vorhaben fast gescheitert. Der Rennarzt stufte ihn als zu dünn und zu schwach ein. Er sei nicht imstande, ins Ziel zu kommen, attestierte der Mediziner und verweigerte ihm die Startfreigabe. Sein amerikanischer Gastgeber sprang glücklicherweise ein, übernahm die volle Verantwortung für Kyriakides und sicherte so seine Teilnahme. Er glaubte an ihn, wusste genau, welche Intention den Griechen antrieb.

Als der Veranstalter Stylianos am 20. April 1946 die Startnummer eins überreichen wollte, verweigerte er. „Ich möchte die 77, sie bedeutet doppeltes Glück “, meinte der damals Mittdreißiger. Seine dann gezeigte Leistung dürfte jedoch weniger mit Glück als mit seinem harten Training zusammenhängen. Er lieferte sich ein spannendes Duell mit dem damals besten Läufer der Welt, seinem Freund Johnny Kelley.

Diese beiden Fotos von 1946 dienten als grafische Vorlage für die beiden Briefmarken von 2020.

Wie berichtet wurde, soll Stylianos Kyriakides durch den Ruf “Für Griechenland, für deine Kinder”, der von griechischstämmigen Zuschauern am Rande der Marathonstrecke kam, motiviert worden sein, noch einmal das Letzte aus sich herauszuholen. Kurz vor dem Ziel zog Kyriakides mit einem Sprint davon und gewann den 50. Boston-Marathon nach 2:29:27 Stunden. „Für Griechenland!“ – wie er beim Überqueren der Ziellinie gerufen haben soll.

Seine Geschichte zog damals die Medien in seinen Bann. Selbst Kelly vergaß seine Enttäuschung über die Niederlage und gratulierte seinem Kontrahenten herzlich: „Es ist großartig, dass Du gewonnen hast, es ist großartig für Dein Land.“ Eine Welle der Sympathie und Unterstützung brach über den griechischen Helden herein, der als erster Nichtamerikaner den Boston Marathon gewinnen konnte. Es folgte unter anderem eine Einladung des US-Präsidenten Truman ins Weiße Haus.

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Nach über zwei Monaten kehrte der Champion nach Hause zurück, wo über eine Million seiner Landsleute in der Hauptstadt Athen die Straßen säumten, um ihren Helden zu begrüßen und zu feiern. Im Gepäck hatte er das „Kyriakides-Paket“: 25.000 Tonnen an Hilfsgütern und Spendengelder in Höhe von 250.000 US-Dollar. Im Athener Zeustempel fand eine feierliche Zeremonie statt, bei der Kyriakides sagte: „Ich bin stolz, Grieche zu sein“, was die Menge bewegte. Zum ersten Mal wieder seit der Besetzung durch die Nazis wurde die Akropolis  zu seinen Ehren beleuchtet.

Ein Jahr später kam er erneut nach Boston, dieses Mal mit der Absicht, Beiträge für das griechische Leichtathletik- Team zu sammeln, um dessen Teilnahme an den Olympischen Spielen 1948 in London zu ermöglichen. Mit einem achten Rang und 50.000 US-Dollar in der Tasche reiste er von Boston heim und machte sich selbst seinen erneuten olympischen Traum wahr. Nach einem 18. Platz im Marathon erklärte der Grieche danach seinen Rücktritt, blieb der Leichtathletik als Lauf-Trainer und Funktionär aber weiter eng verbunden.

Sein Name ist im Laufsport aber auch eng mit einigen Pionierleistungen verbunden. Bereits 1934 verwendete er eine Handstoppuhr, er beschäftigte sich schon in den Dreißigerjahren mit speziellen Aufwärm- und Dehnübungen und achtete zudem auf eine leistungsfördernde gesunde Ernährung! Im Dezember 1987 starb Kyriakides in Athen. Er hinterließ Frau und zwei Kinder. Für die Griechen wird er immer in bester Erinnerung bleiben. Er ist einer ihrer großen Nationalhelden. Die aktuelle philatelistische Ehrung durch die Post Zyperns beweist es.697d563e79Stelios Kyriakides wurde weltweit für sein Engagemant ausgezeichnet und geehrt. Im Sportmuseum in Massachusetts gibt es eine Dauerausstellung mit dem Titel „Stylianos Kyriakides – Laufen für die Menschheit“.

5340294135_20e0860fa5_bIm Jahr 2004 stiftete die Stadt Hopkinton (MA) eine Statue mit dem Titel „Der Geist des Marathons“. Die Skulptur zeigt Stelios Kyriakides neben dem ersten Marathon-Olympiasieger der Neuzeit, Spiridon Louis, der ihm den Weg zum Sieg zeigt. 2006 wurde die Statue zum 60. Jahrestag seines Sieges eingeweiht – direkt an der Laufstrecke eine Meile vom Start in Hopkinton entfernt. Eine Kopie der Statue steht im griechischen Marathon.stelios_kyriakides_statue

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Der Boston-Marathon ist der Marathonlauf  mit der längsten Tradition nach den Olympischen Spielen. Er findet seit dem 19.4.1897 jährlich am Patriots´Day, dem dritten Montag im April, im US-Staat Massachusetts  mit Start in Hopkinton und Ziel in Boston statt. 1996 widmete die US-Post dem Ereignis eine Briefmarke nebst FDC und Ersttagsstempel.

Der Lauf 2020 wurde übrigens wegen der Ausbreitung  der Corona-Epedemie auf den 14. September 2020 verschoben.

 

 

 

(Autor: KJA. Quellen: „RUNNING-das Laufmagazin 06/2017;Athens Marathon Website; Wikipedia; Post Zypern)

 

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